{"id":1700,"date":"2020-11-06T18:03:58","date_gmt":"2020-11-06T18:03:58","guid":{"rendered":"http:\/\/weltuebergang.net\/?post_type=portfolio&#038;p=1700"},"modified":"2020-11-13T20:28:52","modified_gmt":"2020-11-13T20:28:52","slug":"das-theater-der-gegenwart-strategiemaschine-am-weltubergang","status":"publish","type":"portfolio","link":"https:\/\/weltuebergang.net\/?portfolio=das-theater-der-gegenwart-strategiemaschine-am-weltubergang","title":{"rendered":"Das Theater der Gegenwart &#8211; Strategiemaschine am Welt\u00fcbergang"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<h2>Das Theater der Gegenwart<\/h2>\n\n\n\n<p>Wir sind mittendrin. Nicht nur als Kulturschaffende, sondern auch als ganze Gesellschaft(en) stehen wir nun da. Mitten in der 2. Welle. Und es ist nicht so, dass wir es nicht gewusst h\u00e4tten. Dass es keine Warnung gegeben h\u00e4tte. Es ist nicht mehr so neu wie beim ersten Mal. Nicht so \u00fcberraschend. Wir ertappen uns dabei, dass die Zahlen uns weniger schockieren als beim letzten Mal. Dass wir schnell m\u00fcde sind, vermutlich auch noch m\u00fcde vom letzten Mal, und dass sich Verzicht sinnloser anf\u00fchlt als er sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieso gibt es keine Orte, an denen wir eben diese M\u00f6glichkeiten gemeinsam durchdenken, durchspielen, Daten und deren Erkl\u00e4rung, Korrelationen und Kausalit\u00e4ten, m\u00f6gliche Zuk\u00fcnfte, Wahrscheinlichkeiten und Inszenierung dessen, was das eigentlich bedeutet, zusammenbringen k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn wieder sind wir nicht vorbereitet, in beinahe keinem gesellschaftlichen Bereich. Schmerzlich fehlen modulare L\u00f6sungsans\u00e4tze oder systematische Ideen, wie wir auf verschiedene m\u00f6gliche Entwicklungen reagieren k\u00f6nnten, welche Weichen wir wann stellen m\u00fcssen, was wir vielleicht vorher \u00fcberlegen k\u00f6nnen und nicht erst immer, wenn es so weit ist. Oder zu sp\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Theater sind jedenfalls, wenig \u00fcberraschend, wieder zu. Und bleiben es vielleicht eine Weile. Vorw\u00fcrfe, Schuldzuweisungen, Selbstmitleid und lobbyistische Nabelschauen oder eine neue Runde der ewigen Diskussion \u00fcber die wesentlichen Unterschiede zwischen online und offline-Welt bringen gerade nicht wirklich etwas voran.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2>Strategiemaschine am Welt\u00fcbergang<\/h2>\n\n\n\n<p><em>&#8220;Die Zukunft (&#8230;) bekommt niemand geschenkt. Sie will gestaltet sein.&#8221;<\/em> schreibt Esther Slevogt in ihrer Kolumne &#8220;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=18829:kolumne-aus-dem-buergerlichen-heldenleben-esther-slevogt-ueber-den-appell-von-berliner-theatern-trotz-steigender-covid-zahlen-zu-spielen&amp;catid=1506:kolumne-esther-slevogt&amp;Itemid=100389\" target=\"_blank\">Aus dem b\u00fcrgerlichen Heldenleben<\/a>&#8221; \u00fcber den Appell von Berliner Theatern, trotz steigender Covid-Zahlen zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zukunft muss nicht in Zukunft gestaltet werden, sondern jetzt. Jetzt wollen wir AGENCY zur\u00fcckgewinnen, in dieser viel zu schnellen Gegenwart, in der wir gef\u00fchlt eigentlich die ganze Zeit ein Bein aus dem Bett stellen m\u00fcssen, damit die Welt aufh\u00f6rt sich zu drehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum also<em> &#8220;&#8230;nicht mal neugierig und gel\u00e4nderlos \u00fcber ein Zukunftstheater (&#8230;) sinnieren, das allen Ungemach der pandemischen Gegenwart in eine neue Art postkapitalistischer Digitalit\u00e4t \u00fcberf\u00fchrt? Ein Theater, das die Gesellschaft selbst und jedes \u201epolitische Subjekt\u201c darin von Grund auf neu, gerechter, auch menschlicher, weil unsentimentaler vorkommen l\u00e4sst?&#8221;<\/em> (zitiert aus: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur-vergnuegen\/inspirationen-der-pandemie-fuer-die-zukunft-des-theaters-li.118358\" target=\"_blank\">Inspirationen der Pandemie f\u00fcr die Zukunft des Theaters<\/a> von Doris Meierhenrich, 12.11.2020 &#8211; 15:58<\/p>\n\n\n\n<p>Ende April 2020 schrieb ich bei Nachtkritik \u00fcber Peripandemisches und <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=18053:gedanken-zum-weltuebergang-digitalitaet-und-theater-in-der-pandemischen-krise&amp;catid=1768&amp;Itemid=60\" target=\"_blank\">Postpandemisches Theater<\/a>. Corona und die damit verbundenen Ma\u00dfnahmen waren eine schwerwiegende und weitreichende Z\u00e4sur. Aber die Pandemie ist nicht vorbei. Es macht keinen Sinn, die Welt in pr\u00e4- und post Corona einzuteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Zust\u00e4nden zu denken, macht keinen Sinn. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es macht auch keinen Sinn EINE neue Strategie zu erfinden. Wir brauchen mehrere. Aufeinander aufbauende. Vernetzte. Pl\u00e4ne B, C, D, E und Kriterien, anhand derer wir sie dann wieder mit der Realit\u00e4t abgleichen.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wir brauchen eine Strategiemaschine.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>(Und damit meine ich nicht eine maschinengelehrte Instanz, die die bestm\u00f6gliche Zukunft f\u00fcr uns entscheidet. \u00dcberhaupt hat sich die Zukunft hat sich in den letzten Jahren ziemlich abgenutzt, oder? Fangen wir doch einfach hier und heute an, soweit wir sehen k\u00f6nnen und denken m\u00fcssen. Und gehen dann weiter. Um es mit Alan Kay zu sahen: \u201eLook, the best way to predict the future is to invent it.\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p>Denn (echte) Agency&nbsp;ist gegeben, wenn Akteure ihre Situation praktisch evaluieren, d.h. ihre Position in ihrem historischen Kontext und ihrer Umwelt pr\u00e4zise und umfassend analysieren, daraus abgeleitet Absichten und Ziele formulieren und Projektionen f\u00fcr die Zukunft ableiten k\u00f6nnen. In unserer komplexen Welt ist dies nur bedingt m\u00f6glich. Aber im Theater (vielleicht auch im Museum, im City-Lab, im Seminar, auf dem Festival etc.) geht das. Weg vom Eskapismus!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie?<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>MANIFEST.<\/strong> <\/h2>\n\n\n\n<h2><strong>1. Das Theater der Gegenwart schaut vom Hier und Jetzt in die Zukunft und produziert Denkvorr\u00e4te.&nbsp;<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In ihrem im Mai 2020 erschienenen Buch &#8220;<a href=\"http:\/\/Covid-19: Was in der Krise z\u00e4hlt. \u00dcber Philosophie in Echtzeit\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Covid-19: Was in der Krise z\u00e4hlt. \u00dcber Philosophie in Echtzeit<\/a>&#8220;, schreiben Nikil Mukerji und Adriano Mannio, Experten im Bereich der Risikoethik von der Notwendigkeit, Denkvorr\u00e4te<strong> <\/strong>aufzubauen und zu diversifizieren, um Kurzschlusshandlungen unter Druck in Krisenzeiten, gerade dort, wo viel auf dem Spiel steht, vermeiden zu k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Vorrat denken- wie soll das gehen? Die daf\u00fcr vorgestellten etwas polemisch \u201c10 Gebote\u201d genannten Handlungsanweisungen sind ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Entwicklung an der Realit\u00e4t orientierter emergenter Praktiken (\u201cSorge daf\u00fcr, das Informationen in Echtzeit zur Verf\u00fcgung stehen\u201d, \u201cGib der Praxis Vorrang\u201d). Aber auch weiterf\u00fchrende Anweisungen zur Organisation des Denkens Vieler, die Anregung, auch das Denken und das Zusammenspiel&nbsp;vieler vernetzter Expert*innengehirne intelligent und sinnvoll anhand der Wichtigkeit der aktuellen Fragestellungen zu \u201ctriagieren\u201d.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das letzte Gebot hallt nach.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201cVersuch, durch kluge Kooperationsformen komparative Vorteile zu nutzen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>2. Das Theater der Gegenwart denkt, macht und evaluiert in kurzen Zyklen.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wie w\u00e4re das: Theater transformiert sich zu einem <strong>Echtzeitlabor <\/strong>an der Schnittstelle zwischen Wissenschaften, Technologie, Philosophie und Stadtgesellschaft. <\/p>\n\n\n\n<p>Es stellt aktiv und gemeinschaftlich Situationen her, um Praktiken zum Umgang mit gesellschaftlicher Transformation und Unsicherheit zu entwickeln und zu testen: Um Raum f\u00fcr tagesaktuelle Diskursformate zu schaffen, die \u00fcber reines Zuh\u00f6ren und Zuschauen hinausgehen und Theaterschaffende, Expert*innen verschiedener Disziplinen und Besucher*innen in neue Konstellationen involvierenden Austauschs zu bringen. Um neue Formen der gemeinsamen Aushandlung von gegenw\u00e4rtiger und zuk\u00fcnftige Realit\u00e4t m\u00f6glich und vor allen Dingen auch sinnlich ERFAHRBAR zu machen. Egal ob das gerade nun im physischen Raum m\u00f6glich ist oder andere Formen der Vergemeinschaftung online oder in hybriden Formaten gefunden werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Theater hat die Ressourcen daf\u00fcr. R\u00e4ume. Personal. Know How. Und jetzt: Zeit. Produktionsrhythmen sind verglichen mit anderen Kulturformen (vom Roman zum Computerspiel) kurz und oft auch preisg\u00fcnstig m\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>3. Das Theaters der Gegenwart ist Gastgeber*in. Es stellt Situationen her, nicht dar.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Kluge Kooperationen entstehen nicht frontal oder von oben. Wir brauchen echte Partizipation. Das bedeutet vor allen Dingen <strong>ernst gemeinte Einbeziehung Externer<\/strong> in allen Phasen der Entstehung eines Werks, also schon in der Vorbereitungsphase. Kollaboration und Co-Kreation sind unter anderem hilfreich, um Expert*innen aus einzubinden und ein gutes Setting f\u00fcr einen Austausch zu schaffen, der tiefer gehen kann als in den \u00fcblichen Podiumsformaten. Und wie sollte das besser gehen als beim gemeinsamen kreativen Schaffen, Weltenbauen, Formate entwickeln? Das Theater der Gegenwart schafft daf\u00fcr die Bedingungen. <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>4. Das Theater der Gegenwart versteht sich als Hardware, auf der verschiedene Arten sozialer Software laufen k\u00f6nnen.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Am Theater Strategien \u201cauf die Probe stellen\u201d hei\u00dft im wahrsten Sinne des Wortes auch: sie durchspielen. M\u00f6gliche Verl\u00e4ufe der Realit\u00e4t durchdenken und performativ oder spielerisch erfahrbar machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr M\u00f6glichkeiten das Publikum hat, hier einzugreifen, umso gr\u00f6\u00dfer ist nat\u00fcrlich auch die selbst empfundene \u201cAgency\u201d, umso lebendiger werden gemachte Erfahrungen.&nbsp;Oft entt\u00e4uschen \u201cinteraktive St\u00fccke\u201d durch nur limitierte Handlungsm\u00f6glichkeiten, meistens im Sinne einer Auswahl aus mehreren M\u00f6glichkeiten oder einer festgelegten Route. Oft finden sich nur Pseudo-Interaktions-M\u00f6glichkeiten (\u00fcberhaupt kein Einfluss auf den Ablauf und die Ausgestaltung des Werks wie bei den meisten klassischen Inszenierungen) oder asymmetrische Interaktionen (bei denen h\u00f6chstens aus vorproduzierten M\u00f6glichkeiten gew\u00e4hlt werden kann, ein Abweichen vom eigentlichen Plan der Macher*innen jedoch unm\u00f6glich ist, wie z.B. oft bei Audiotouren, beim Game Theater etc.). <\/p>\n\n\n\n<p>Echte Interaktivit\u00e4t erfordert \u201cEinfluss auf Inhalt und Form, auf Ablauf und Dauer einer Kommunikation \u2013 und das hei\u00dft letztlich: die M\u00f6glichkeit zur aktiven De- und Reprogrammierung des \u00bbProgramms\u00ab sowie die offene und autonome Mitgestaltung der Netzwerkarchitektur.\u201d (<a href=\"https:\/\/www.uni-giessen.de\/fbz\/zmi\/das-zmi\/homeueberuns\/interaktivitaet\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Quelle<\/a>)&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Macher*innen bedeutet es in jedem Fall, Gestaltungshoheit abzugeben. Und Vorsicht. Kulturschaffende untersch\u00e4tzen oft den Konzeptions- und Moderations-Aufwand, der mit Interaktion und echter Partizipation einhergeht, dabei kann man ihn personell und zeitlich vermutlich gleichsetzen mit der \u201ceigentlichen\u201d k\u00fcnstlerischen und organisatorischen Arbeit.&nbsp;Das Theater der Gegenwart kalkuliert ihn als gleichwertige wichtige Arbeit ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Rolle der Theaterkritiker*innen ist am Theater der Gegenwart eine andere. Einstiegs- und Interpretationshilfe zu geben ist wichtiger, als vernichtend zu kritisieren, elegant zu ignorieren oder Lieblinge der Landschaft zu hofieren. Es geht um die GEMEINSAME Sache. Vielleicht um ein &#8220;<em>empathisches, darstellendes, spielendes Betrachten<\/em>&#8221; anzustreben, wie es sich die Kulturjournalistin Astrid Kaminski w\u00fcnscht? (im <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/folge-30-geschmacksurteil-oder-kunstverstand-theaterkritik.3488.de.html?dram:article_id=486677\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Theaterpodcast, Folge 30<\/a>: Geschmacksurteil oder Kunstverstand? Theaterkritik in Zeiten von Social Media)<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>5. Das Theater der Gegenwart schafft hybride, radikal interdiziplin\u00e4r und intersektional gedachte Erfahrungsr\u00e4ume.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Theater wird konsequent hybrid (im physischen Raum und remote zugeschaltet) gedacht. Wir wissen nicht, wie sich die Situation in den n\u00e4chsten Wochen, Monaten, Jahren entwickelt. Formate und Interaktionsformen werden dementsprechend entwickelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft auch: es gibt nicht DAS Publikum, sondern viele m\u00f6gliche Publika, die sich in unterschiedlichen Situationen befinden, Medien unterschiedlich nutzen und verschiedene Bed\u00fcrfnisse, Erwartungen und Motivationen haben. Nicht alle Besucher*innen werden sich alles anschauen- und das ist auch gar nicht n\u00f6tig, solange die Formate modularer gedacht werden und sich zeitlich in den Alltag integrieren lassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eingesetzte Technologien orientieren sich an dem, was f\u00fcr welches Publikum gebraucht wird. Hier nimmt sich das Theater der Gegenwart Zeit, Alternativen auszuprobieren und die beste auszuw\u00e4hlen oder aber in Neuentwicklung zu gehen. Benutzer*innenfreundlichkeit und user centered design ist die oberste Pr\u00e4misse. Dabei geht es vor allen Dingen darum, technologische H\u00fcrden niedrig zu halten. Inhaltlich darf und soll Theater fordern und \u00fcberraschen und danach beurteilt werden, ob es die Erwartungen seines Publikums befriedigt, sondern danach, ob es sie zu ver\u00e4ndern vermag.<\/p>\n\n\n\n<p>Hybride R\u00e4ume haben das Potenzial, diskriminierungsfrei genutzt zu werden, wenn sie gut designt und moderiert sind. Das bedeutet Planung im Vorhinein, welche Gruppen man im Sinne der Diversit\u00e4t zur Teilnahme bef\u00e4higen und explizit einladen m\u00f6chte, au\u00dferdem ad\u00e4quate Einladungsgestaltung, gutes Onboarding und Care w\u00e4hrenddessen sowie ein f\u00fcr alle verst\u00e4ndliches Regelwerk zu schaffen, das die Handlungsoptionen aller transparent benennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Community ist K\u00f6nigin. Hier liegt der st\u00e4rkste Fokus, nicht unbedingt auf einer besonders \u201cguten Auff\u00fchrung\u201d, sondern darauf, dass Leute wiederkommen, dass sich Routinen und Rituale entwickeln, dass serielle Formate entstehen, innerhalb derer man zusammen \u201cjammen\u201d kann.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>6. Vorleben statt Vorgeben: Der wichtigste Gast im Theater der Gegenwart ist das Team selbst.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Theater der Gegenwart schafft gute Bedingungen f\u00fcr Interaktion und Partizipation und nimmt diese auch im Innenverh\u00e4ltnis ernst. Respektvoller Umgang miteinander l\u00f6st toxische Strukturen ab: Altbekannte Regel(m\u00e4\u00dfigkeite)n am Theater wie gr\u00f6\u00dftenteils m\u00e4nnliche F\u00fchrungspersonen, feste Hierarchien, die immer gleiche tradierte Rollenverteilung samt all ihrer Zuschreibungen, Klassismus, Rassismus, Sexismus, Ungerechtigkeit und Intransparenz werden am Theater der Gegenwart ver\u00e4ndert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leitung des Theaters der Gegenwart bedient sich den Prinzipien des Gastgebens und dienender F\u00fchrung auch intern. F\u00fchrung besteht bei diesem systemtheoretisch orientierten heterarchischen F\u00fchrungsmodell vor allem darin, dass nicht nicht einer viele f\u00fchrt, sondern alle f\u00fcreinander Umwelt sind und f\u00fcr alle maximal gute Bedingungen f\u00fcr die eigene Entwicklung geschaffen werden. Denn das Team ist nur so stark wie seine schw\u00e4chsten Mitarbeiter*innen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater der Gegenwart bietet nicht nur neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr diejenigen, die notwendige Technik f\u00fcr digitale Formate programmieren und betreuen. Es geht in Zukunft vor allem auch darum, die Gesamtprozesse zu koordinieren, Projektmanagement zu machen, Herstellungsleitung f\u00fcr Situationen, Care Arbeit f\u00fcrs Team. Gebraucht werden die, die alle Sprachen verstehen und zwischen verschiedenen Professionen und Bed\u00fcrfnissen \u00fcbersetzen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das Theater der Gegenwart arbeitet effizient. Hierarchiefreie Zusammenarbeit hei\u00dft nicht, dass alle immer bei allem mitreden und es endlose Plena und wenig Entscheidungen gibt. Es hei\u00dft vor allen Dingen Transparenz, und es erfordert realistische Selbsteinsch\u00e4tzung der eigenen Zeit, Leistungsf\u00e4higkeit und des eigenen Commitments. Es erfordert regelm\u00e4\u00dfigen Realit\u00e4tsabgleich. Je ver\u00e4nderbarer der Arbeitsalltag, umso mehr direkte Kommunikation erfordert dies von Mitarbeitenden. Umso wichtiger sind kurze Kommunikationswege, das direkte Gespr\u00e4ch miteinander, egal ob durch Luft oder Glasfaser. Umso unverzichtbarer wird, dass alle zumindest grob Bescheid wissen, wie das Arbeitsfeld der anderen funktioniert.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h2><strong>7. Das Theater der Gegenwart und jede*r, der\/die dazugeh\u00f6rt, macht Fehler.&nbsp;Und freut sich dar\u00fcber, sie zu teilen.<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Das Theater der Gegenwart hat keinen Ort, es ist in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Es ist eine Bewegung. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Obdach findet es in den St\u00e4dten und H\u00e4usern, die es einladen, und es verbindet diese H\u00e4user miteinander. Die Strategiemaschine braucht Input und Realit\u00e4tsabgleich: Das Theater der Gegenwart geht davon aus, dass Wissen w\u00e4chst, wenn es geteilt wird. Und dass es zusammen auch ganz einfach mehr Spa\u00df macht.  <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><strong>von Christiane H\u00fctter, Oktober\/November 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Text wurde in \u00e4hnlicher Form ver\u00f6ffentlicht im Band <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.boell.de\/de\/netztheater\" target=\"_blank\">Netztheater, Positionen, Praxis, Produktionen<\/a>, herausgegeben von der Henrich B\u00f6ll-Stiftung und nachtkritik.de, in Zusammenarbeit mit weltuebergang.net.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Theater der Gegenwart Wir sind mittendrin. Nicht nur als Kulturschaffende, sondern auch als ganze Gesellschaft(en) stehen wir nun da. Mitten in der 2. Welle. 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